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Kulturhistorische Betrachtung

 

 

 

Als ich Kind war, war ich jeden Sommer in den Ferien bei meiner Großmutter, meinen Tanten, Onkels, Kusinen auf dem Lande. Sie alle hatte es nach dem Kriege dorthin "verschlagen". Und alle hatten Hunger. Ohne Land, bildeten ein Garten und Kaninchen dafür die Grundlage. Den ganzen Vorgang erlebten wir mit: Vom Grünfutter sicheln, Lieblingsspeise der Kaninchen Löwenzahn, in den Straßengräben im Dunkeln, denn die gehörten ja den Bauern, über das Ausmisten bis, ja bis zum Schlachten. Und immer,wieder wie durch ein Wunder gab es Vermehrung: neue kleine Kaninchen. Jeden Sonntag dann: Karnickel-Braten. Alles, buchstäblich alles wurde verwertet, von Kopf bis "Hasenfuß". Den bekamen wir Kinder. Damit konnten wir in der Schule die Radiergummireste wegwischen. Keck hing er dann aus unserem Schulranzen heraus. Später ist es mir nie wieder in meinem Leben so ein Sonntagsbraten gelungen. War es ein Angorakaninchen, wurden die feinen Haare oft abgeschnitten und sind in weichen Strickjacken gelandet. "Das Fell über die Ohren ziehen": Aufgespießt hingen sie am Gartenzaun.

 

Irgendwann las ich einmal, dass die Inkas - oder waren es die Azteken? - ihre Maissaat, um die Fruchtbarkeitsgötter zu besänftigen, mit dem Blut der schönsten Jungfrauen-Opfer "düngten". Sehr viele Kulturen - Juden, Moslems, orthodoxe griechische Christen, schlachten/schächten das Lamm bis zum heutigen Tag, vor allem zur Osterzeit. Bis heute - da ist die ganze Familie anwesend. Es wird ein Fest gefeiert mit Tanz und Festtagsschmaus. Ein Opfer wurde gebracht. Das letzte große Menschenopfer - das Lamm Gottes, Christus - hat sich stellvertretend für alle anderen Menschenopfer geopfert. Da wurde der Leib zur Hostie, das Blut zu Wein - eine geniale Verwandlung, ein großartiges Symbol. Da war aber kein Ende des Schlachtens. Kriegsopfer, die großen Schlachten, bis ins 18. Jahrhundert gingen die "Schlachtenbummeler" auf die Schlachtfelder und sahen sich die verstümmelten und sterbenden "Opfer" an. Heute:Verkehrsopfer auf den Autobahnen. Die Autos bleiben stehen und mit kalter Neugierde schauen die Autofahrer dem Geschehen zu. Und die Tiere? Die seit Tausenden von Jahren gehaltenen Haustiere, außer Hund und Katze, kamen in die Schlacht-Häuser. Schlacht und Schlachten fügten sich da zusammen.

Die höchste Kultur des Speisens haben die Chinesen entwickelt: Messer und Gabel als aggressive Werkzeuge des Aufspießens, Stechens und Schneidens bleiben verbannt: Nur feine Holzstäbchen. Das Fleisch kommt nur als Bissen auf den Tisch. Das Tier ist nicht mehr zu zu erkennen; es hat sich in eine köstliche Speise verwandelt. Ich kenne Kinder, die leidenschaftlich Gehacktes essen, weil das Tier nicht mehr zu erkennen ist, das wir verspeisen, aber jeden Hühnerschenkel verabscheuen. Wie bekommt man archaischen Kult und modernen Kult, Natur und Kultur, Agro-Kultur und Schlachthaus wieder zusammen? Seit Jahrtausenden bannen die Menschen ihre Taten und Un-Taten in der Kunst, erst als Höhlenzeichnung, später über Jahrhunderte ein Thema - das Leiden Christ am Kreuz - am anschaulichsten bei Grünewald. Goya hat Wild und Fische so gemahlt, dass wir sofort in Zwiespalt geraten, Beuys den Hasen in der Kunst eingeführt. Der Hase liefert den feinsten Filz und Filz hat ihm das Leben gerettet. Nähe und Distanz, Grauen und Faszination, Schlachten und Opfergabe und Kulinarisches und Verschlingen - die Aktion Kunst-Kaninchen hat es theatralisch vorgeführt.